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Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.
In der Musikschule Kurt Weill ist sie zu Hause
Ansprache zur feierlichen Namensgebung für die Musikschule Dessau-Roßlau am Sonnabend, 10. März 2012, 17:00 Uhr, im Rangfoyer des Anhaltischen Theaters Dessau

Sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder des Stadtrates Dessau-Roßlau, unseres Kulturausschusses,
sehr geehrte Frau Mahlo, verehrte Frau Wendeborn,
sehr geehrter Herr Landgraf,
verehrter Herr Präsident Markworth,
sehr geehrter Herr Intendant Kaufmann,
liebe Mitglieder des Förderkreises der Musikschule,
liebe Lehrerinnen und Lehrer der Musikschule,
liebe Eltern und Schüler unserer Musikschule,
werte Gäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Thomas Morus (1478-1535), der heilig gesprochene Lordkanzler Heinrichs VIII. lobte einst die „Musik, bei deinen Zauberklängen erscheint uns Sprache arm und kalt“.

So ist es gut, dass diese schöne Stunde, zu der ich Sie alle auf das herzlichste hier im Anhaltischen Theater Dessau begrüßen darf, musikalisch umrahmt wird. Und das darf man wohl auch erwarten in der Stadt schönstem Musentempel und in Würdigung einer Musikschule. So will ich mich denn darum mühen, wie es die Bibel im Alten Testament beschrieb: „Pfeifen und Harfen lauten wohl, aber eine freundliche Rede besser denn die beiden“.

Und zu einer freundlichen Rede gibt es wahrlich guten Grund, zählt unser Täufling doch zu den besten und erfolgreichsten seiner Art im ganzen Lande, verschafft uns doch der Namensgeber in diesen Tagen wieder Anerkennung und Hochachtung, ist unsere Stadt in aller Musikliebhaber Munde.

Die Musikschule unserer Stadt befindet sich im 60. Jahre ihres Bestehens. Doch der Musikunterricht hat bei uns eine weiter reichende Tradition. Zum einen haben die Lehrenden schon sehr frühzeitig die Vorzüge der Musik erkannt, war das Lied stets Teil des Unterrichts.

Lange beschränkte sich dieser Unterricht aber auf das Erlernen von Chorälen für die Gottesdienste und auf das Repertoire der Kurrende. So diente die Schuljugend stets auch der Auffrischung der ohnehin nie üppig gefüllten Geldbeutel der Kantoren.

Und es war das pädagogische Reformwerk des Philanthropinum in unserer Stadt unter Johann Bernhard Basedow (1724-1790), das auch dem Musikunterricht neue und wichtige Impulse verlieh. 1774 heißt es in Basedows „Elementarwerk“: „Die Tonkunst bietet unserem natürlichen Geschmack an Schönheit und Harmonie viele Vergnügungen, besonders, wenn wir uns in der Jugend bemüht haben, wenigstens etwas von den Regeln dieser Kunst zu wissen“.

Für Basedow eigneten sich Flöte und Violine besonders gut für den instrumentalen Anfangsunterricht. Auch heute zeichnet sich unsere Schule durch ausgezeichnete Arbeit in diesen Fächern aus.

Tausende Schülerinnen und Schüler erhielten und erhalten an unserer Musikschule eine fundierte Ausbildung und nicht wenige von ihnen sind heute selbst als Musiker oder Musikpädagogen tätig.

An der Musikschule unserer Stadt erhalten zurzeit 693 Schüler Unterricht im instrumentalen oder vokalen Hauptfach, in der Musikalischen Früherziehung und Musikalischen Grundausbildung.

397 Schüler belegen ein Ensemblefach, musizieren gemeinsam im Orchester, im Barockensemble, im Nachwuchsorchester, in der Streichergruppe, in der Jugendbigband Anhalt (die gerade wieder beim Weill-Fest für Furore sorgte), im Anhaltinischen Zupforchester, in Vokalensembles, Blockflötenensembles oder Kammermusikensembles.

2818 Schüler und Pädagogen gestalteten im vergangenen Jahr 422 Konzerte und Veranstaltungen, welch gigantische Zahl, welch kulturelle Leistung.

So gilt mein Dank an dieser Stelle allen Lehrer für 60 Jahre musikalischer Lehre.

Die Musikschule war und ist eine „namhafte“ Bildungseinrichtung.

Nur einen ganz eigenen Namen hatte die Musikschule jedoch nie. Es ist, als ob sie in all den Jahren auf den richtigen Namen und den passenden Zeitpunkt gewartet hätte.

Nun ist es endlich soweit: 800 Jahre Anhalt und das 20. Kurt Weill Fest – welch besseren Anlass kann es geben, um eine in die Jahre gekommene, aber immer jung gebliebenen Dame durch die Verbindung mit einem ebensolchen Herrn doch noch namentlich zu benennen.

Zur Eröffnung des Kurt Weill Festes habe ich unter anderem vom Musikland Sachsen-Anhalt gesprochen: Viele Namen zieren unser Land:

Da hatte Johann Sebastian Bach (1685-1750) seine schönste Zeit (1717-1723) in Köthen (Anhalt), wurde Georg Friedrich Händel (1685-1759) in Halle (Saale) geboren. Die Landeshauptstadt Magdeburg ehrt gerade ihren Sohn Georg Philipp Telemann (1681-1767). Heinrich Schütz (1585-1672) wuchs in Weißenfels auf, und Johann Friedrich Fasch (1688-1758) wirkte ab 1722 im benachbarten Zerbst. Ja selbst die Coswiger entdeckten den Königlichen Kapellmeister von Hawaii, Heinrich August Wilhelm Berger (1844-1929) wieder und benannten ihre Musikschule nach ihm.

Und Dessau-Roßlau?

Lange hat es gedauert, immer wieder wurden Anläufe genommen und einige, für unsere Stadt bedeutende Musikerpersönlichkeiten, wurden durchaus als Namensgeber in Betracht gezogen.

Da ist Friedrich Wilhelm Rust (1739-1796) zu nennen. Der fürstliche Musikdirektor, Musiker und Komponist, bedeutende Lehrer für zahlreiche Instrumentalisten und Sänger hätten es sein können.

Auch Friedrich Schneider (1786-1853) - bedeutender Komponist, Organist, Herzoglich-Anhaltischer Hofkapellmeister wäre eine gute Wahl gewesen. 1829 wurde durch ihn die „Musikschule zu Dessau“ gegründet, die bis zur Entstehung des Leipziger Konservatoriums im Jahr 1843 ein Anziehungspunkt für junge Musikstudenten nicht nur aus Dessau, ihrer Umgebung und aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch aus Holland, Belgien, England, den USA, Dänemark, Rußland, Polen, Schweden und Finnland war.

Und nicht zuletzt August Klughardt (1847-1902) – der hochangesehene Dirigent und Komponist, der unter anderem die Dessauer Wagner-Tradition weiterführte, stand zur Diskussion. Selbst Richard Wagner (1813-1883) war des Lobes voll für unser Theater und sein Orchester.

Nun aber soll es doch Kurt Weill (1900-1950) sein. Ein Blick auf die Verbindungen Kurt Weill und Musikschule Dessau-Roßlau kann eindrucksvoll belegen, dass diese Entscheidung richtig und mit künstlerischem und pädagogischem Leben erfüllt ist.

Bereits 1993, dem ersten Jahr der Weill Feste, kommt die Schuloper „Der Jasager“ von Kurt Weill/Bertolt Brecht im Bauhaus zur Aufführung. Unter der Regie von Stephan Blüher musizieren das Orchester der Musikschule Dessau und Schüler der Gesangsklassen der Musikschulen Dessau, Bernburg und Wittenberg.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen Sie mich dazu direkt Kurt Weill zitieren, dem die musikalische Schuljugend sehr am Herzen lag:

„Über meine Schuloper Der Jasager (August 1930)
… Die Musik einer Schuloper muss unbedingt auf ein sorgfältiges, sogar langwieriges Studium berechnet sein. Denn gerade im Studium besteht der praktische Wert der Schuloper, und die Aufführung eines solchen Werkes ist weit weniger wichtig als die Schulung, die für die Ausführenden damit verbunden ist. Diese Schulung ist zunächst eine rein musikalische. Sie soll aber mindestens ebenso sehr eine geistige sein. Die pädagogische Wirkung der Musik kann nämlich darin bestehen, daß der Schüler sich auf dem Umweg über ein musikalisches Studium intensiv mit einer bestimmten Idee beschäftigt, die sich ihm durch die Musik plastischer darbietet und die sich stärker in ihm festsetzt, als wenn er sie aus Büchern lernen müsste. Es ist daher unbedingt erstrebenswert, dass ein Schulstück den Knaben außer der Freude am Musizieren auch Gelegenheit bietet, etwas zu lernen.“

1995 wird das Musical „Rats“ im Rahmen des 3. Kurt-Weill-Festes aufgeführt. Regie und künstlerische Leitung lagen wie schon 1993 in den Händen von Stephan Blüher. Träger des Projekts waren der Kurt-Weill-Gesellschaft e.V. und die Stiftung Bauhaus Dessau.

Das Musical von Nigel Hess/Jeremy Browne wurde in Originalsprache wiederum von Schülerinnen und Schülern der Musikschulen Dessau, Bernburg und Wittenberg aufgeführt.

2006 gab es beim Kurt Weill Fest eine Premiere. Unter der künstlerischen Gesamtleitung von Silke Wallstein und der musikalischen Leitung von Friedemann Neef wurde im Liborius-Gymnasium das Diptychon „Der Jasager“/„Der Neinsager“ (Reiner Bredemeyer/ Bertolt Brecht) erstmals ausschließlich von Jugendlichen aufgeführt. Weitere erfolgreiche Vorstellungen fanden in Magdeburg, Köthen (Anhalt) und im Theater am Schiffbauerdamm (vielen besser als Berliner Ensemble bekannt) statt.

2011 musizierte das Saxophonquartett der Musikschule „Analuca“ am Eröffnungsabend des Kurt Weill Festes im Foyer des Anhaltischen Theaters und die Jugendbigband Anhalt (Leitung: Detlef Metzner) gab ein umjubeltes Konzert mit Pascal von Wroblewsky und dem Chor des Walter-Gropius-Gymnasiums (Leitung: Ines Weinreich) in der Endmontagehalle des Elbe-Werks Roßlau mit dem Titel: „Weill wir jung sind“

Unter dem Motto „Galante`s Paris“ gab es auch beim diesjährigen 20. Kurt-Weill-Fest eine Neuauflage der Zusammenarbeit der Jugendbigband mit Pascal von Wroblewsky und dem Chor des Walter-Gropius-Gymnasiums.

Und nicht zuletzt werden wir am heutigen Abend erleben, wie lebendig das Weill Fest ist. Mit der Kinderoper „Oskar und die Groschenbande“ vereinen sich die besten künstlerisch-musikalischen Potentiale unserer Stadt in einer sicherlich beeindruckenden Aufführung.

Das Orchester der Musikschule, Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie, Kinder und Jugendliche aus Dessau-Roßlau und Umgebung lassen nach tollen Voraufführungen im Juni und September 2011 Unterhaltung im besten Sinne erwarten.

Und mit diesem Stück eröffnet die Musikschulstadt Dessau-Roßlau ein neues Kapitel. Da ist es gut, dass diese Musikschule auch den Namen eines seiner größten Söhne erhält, auf alle Fälle aber den Namen des größten Musikers, der, wie der andere große Sohn der Stadt Moses Mendelssohn (1729-1786), von Dessau aus in die Welt gezogen ist und mit Leben und Werk zu dauerhaftem Ruhm fand.

Werte Anwesende,

ich wünsche der Musikschule, dass mit der Verleihung des Namens „Kurt Weill“ ein weiterer Impuls gegeben wird, auch in Zukunft das kulturelle Leben unserer Stadt Dessau-Roßlau erfolgreich mitzugestalten.

Allen Lehrerinnen und Lehrern wünsche ich viel Freude an ihrer Arbeit mit ihren Eleven, diesen Spaß an der Musik, erst recht in jenen Tagen, wo es einfach nicht vorwärts gehen will.

Dem Freundeskreis (wie auch der Stadt) wünsche ich stets munter sprudelnde Geldquellen und uns allen eine gute Stunde wie eine tolle Premiere.

Lassen Sie mich mit einem guten Wort von Hermann Hesse (1877-1962) schließen:

„Wer Musik liebt und innig versteht, für den hat die Welt eine Dimension mehr“.

Nun höre ich aber auf und halte es mit E.T.A Hoffman:
„Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“
Viva la musica.
Portrait Klemens Koschig
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